Umgang mit Anforderungen

Wie können wir Anforderungen stellen und damit die Entwicklung positiv unterstützen, ohne für eine Überforderung zu sorgen?

Wie so häufig, naja eigentlich sogar immer, gibt es nicht die eine Antwort! Es ist abhängig von der Situation, dem Klientel, uns selber, von diversen Faktoren. Ein paar Beispiele möchte ich euch aber gerne vorstellen.

Häufig wollen wir etwas von unserem Klientel, welches nicht unbedingt ganz oben auf deren Wunschzettel steht. Meist unterbrechen wir Sie bei etwas was Ihnen Spaß macht, oder wir wollen Sie zu etwas bringen, was Ihnen kein Spaß macht. Ihr merkt schon, die Grundvoraussetzungen sind eher so mäh...

Stellen wir uns nun vor, unser Klient soll den Tisch für das gemeinsame Mittagessen decken. Aus unserer Sicht hat er gerade nichts Wichtiges zu tun. Er sitzt auf dem Sofa und beschäftigt sich mit einem Heft. Wir stehen ein paar Meter entfernt, am zu deckendem Tisch, und rufen freundlich: „Clemens... kommst Du mal bitte zum Essbereich? Wir wollen gleich zu Mittag essen und jemand muss den Tisch decken.“ Eine Reaktion bekommen wir leider nicht. Wir wiederholen unsere Frage also, diesmal mit etwas mehr Nachdruck: „Clemens, wir wollen gleich essen, deckst Du bitte den Tisch?“ Nun hebt Clemens tatsächlich den Kopf. Er schaut kurz in unsere Richtung und antwortet... „Nein, keine Lust“ Nun bemerken wir unseren Fehler.





„Clemens, das war keine Frage! Komm bitte zu mir und decke den Tisch, das Essen ist schon fertig!“ Doch Clemens lässt sich nun gar nicht mehr überzeugen. Im weiteren Verlauf werden wir laut, Clemens wird laut und es kommt zum Streit.

Es würde mich nicht wundern, wenn Ihr solche Situationen, oder zumindest ähnliches, selbst schon erlebt habt. Was ist da aber eigentlich gerade passiert? Wir waren freundlich und haben doch den richtigen Ton getroffen, oder? Also zumindest am Anfang, danach war Clemens ja auch stur und ungezogen, da mussten wir natürlich lauter werden, um unser Gesicht zu wahren.

Aber was haben wir eigentlich genau gesagt? Im ersten Anlauf, fühlte sich Clemens offensichtlich gar nicht angesprochen. „Wir wollen essen und jemand muss den Tisch decken“... Jemand, aber doch nicht unbedingt Clemens, oder?

Im zweiten Versuch dann schon etwas direkter. „Clemens, wir wollen essen, deckst Du bitte den Tisch?“ Nun bekommen wir eine Antwort, aber nicht die, die wir hören wollten. Aber hat Clemens nicht das recht, auf eine ja oder nein Frage mit nein zu antworten? Ganz offensichtlich nicht, denn im dritten Anlauf: „Clemens, dass war keine Frage! Komm bitte zu mir und decke den Tisch, das Essen ist schon fertig!“ formulieren wir die Frage plötzlich um und machen eine Aufforderung daraus. Clemens fühlt sich nicht ernst genommen, der Ton wird rauer und am Ende ist der Streit. Nachvollziehbar, oder?

Zunächst sollten wir ganz sicher an unserer Kommunikation arbeiten, aber das Thema Kommunikation ist so riesig, das werde ich zukünftig in eigenen Podcast Folgen mit euch besprechen. Das offensichtlichste vielleicht noch einmal kurz auf den Punkt. Wir sollten keine Fragen stellen, wenn wir eigentlich eine Aufforderung meinen.

Kommunikativ waren wir also recht unklar. In einer anderen Hinsicht dagegen waren wir sehr eindeutig. Wir sind der Betreuer, wir sagen was gemacht wird. Als wir merkten, dass eine Frage nicht zum gewünschten Ergebnis führen würde, machten wir eine Aussage daraus. Dabei behielten wir stets eine gewisse Distanz zu Clemens. Er hat schließlich zu uns zu kommen und nicht anders herum.

Was wäre aber, wenn wir zu Clemens hingehen und uns kurz zu ihm setzen würden. Wir sehen, dass er gerade in einem Heft blättert, also warten wir einen Moment darauf, dass er seine Aufmerksamkeit auf uns richten kann. Wenn wir sehen, oder spüren, dass Clemens uns wahrnimmt sprechen wir ihn an. „Hallo Clemens, das Essen ist fertig, lass uns zum Essbereich gehen und den Tisch decken.“

Während wir die Worte sagen, setzen wir uns schon in Bewegung. Was wir dadurch erreichen, ist ein Wir – Gefühl. Wir geben nicht von außen vor, was zu tun ist, sondern wir begeben uns in einen Kontakt auf Augenhöhe und übernehmen dann, aus dieser Rolle heraus, die Führung der Situation.


Das natürliche Ende:

Im Kinder- und Jugendbereich ist es normal, und meiner Ansicht nach auch Sinnvoll, den Medienkonsum auf bestimmte Zeiten zu beschränken. Tina (ich kenne übrigens weder einen Clemens, noch eine Tina, aber ich möchte auch nicht ständig von EINEM Klienten sprechen) durfte Sonntags immer zwischen 14:00 Uhr und 16:00 Uhr TV schauen. Diese Regelung bestand schon, bevor ich in dieser Einrichtung arbeitete... Um 16:00 Uhr gab es dann aber jedes Mal Streit, wenn der TV ausgeschaltet wurde. Tina kann zwar alles verstehen, sich verbal aber nur sehr eingeschränkt mitteilen. Aus Erfahrung wussten wir, dass Tina nicht gut damit umgehen konnte, wenn sie zu viel TV konsumierte, also wollten wir nicht von der Regelung mit den zwei Stunden abweichen. Das stellen einer Uhr, welche ihr zeigte, dass die TV Zeit bald abläuft, machte aber auch keinen Unterschied. Sie wusste zwar, dass die Zeit gleich abläuft, war aber dennoch sauer, als es soweit war.

Das Problem beim TV schauen ist, dass Sendungen nur halb soviel Spaß machen, wenn man mittendrin aufhören muss sie zu schauen.

Als wir uns also genauer mit dem TV Programm von Tina beschäftigten, war es der logische Schritt die Zeiten von 14:15 Uhr bis 16:15 Uhr umzustellen. Denn um 16:15 Uhr, war die Sendung von Tina auch tatsächlich vorbei. Der Sonntägliche Stress hatte ab diesem Tag ein Ende gefunden. Manche Dinge haben einfach ein natürliches Ende... das sollte auch von uns berücksichtigt werden.


Belohnungssysteme:

Mit Belohnungen sollten wir ganz individuell umgehen. Es ist wohl eines der kontroversesten Themen, die man in der Pädagogik überhaupt diskutieren kann. Belohnungssysteme werden schnell mit Bestechung, oder Bonbonpädagogik gleichgesetzt und entsprechend herabgewertet.

Natürlich kann es auch nicht darum gehen mit einer Tüte Süßkram in der Tasche seinen Dienst zu begehen und bei jeder Anforderung direkt mit einem Stückchen Schokolade zu winken. Es geht ja darum, dass unser Klientel eine Selbstwirksamkeit erfährt und das ist mit ständigen, spontanen Belohnungen von außen schwer möglich.

Anders ist es, wenn wir die Belohnungen strukturieren. In einem bestimmten Rahmen geht es uns ja auch nicht anders. Bestimmte Tätigkeiten machen wir nur, wenn wir dafür belohnt werden.

Das offensichtlichste ist zum Beispiel die Bezahlung, welche wir für unsere Arbeit erhalten. Aber auch in anderen Lebensbereichen werden wir auf ganz natürliche Weise entlohnt. So wissen wir zum Beispiel, dass wir mit guten Zähnen belohnt werden, wenn wir diese regelmäßig putzen, oder wir werden mit einem schlanken und gesunden Körper belohnt, wenn wir uns gesund ernähren und regelmäßig Sport machen. Zumindest in Bezug auf das zweite Beispiel, reicht dieses Wissen bei vielen von uns trotzdem nicht aus, um uns regelmäßig der Tortur von Sport und Salat zu stellen. Ich selbst gehöre definitiv in diese Kategorie. Aber wieso stellen wir diese Erwartung dann so oft an unser Klientel? Es ist gar nicht so unwahrscheinlich, dass sie den Zusammenhang von schlechter Ernährung und Übergewicht gar nicht verstehen. Wir könnten es täglich sechsmal erzählen, wenn diese Information nicht verarbeitet werden kann, bringt das gar nichts.

Häufig liegen diese natürlichen Belohnungen soweit in der Zukunft, dass sie für den Menschen gar nicht miteinander verknüpft werden können. Ich habe zum Beispiel mal eine ganze Woche lang täglich Sport gemacht und mich dazu noch super gut ernährt. Und wisst Ihr was? Ich war immer noch nicht schlank... nach einer ganzen Woche unmenschlicher Qualen ist quasi nichts passiert... Nun weiß ich aber trotzdem, dass mich dieses Verhalten an meine Belohnung führen würde, ich müsste es nur deutlich länger durchhalten...


Was tun wir, wenn es kein natürliches Ende gibt?

Die Belohnung steht manchmal aber auch gar nicht im Vordergrund. Manchmal ist es die Situation an sich, welche durch den Einsatz einer Belohnung deutlich entschärft werden kann.

Viele Menschen mit neuropsychiatrischen Störungen haben ein großes Problem mit Tätigkeiten, die kein natürliches Ende haben. Über ein natürliches Ende haben wir im Beispiel mit den TV Zeiten gesprochen. Dabei war es nur wichtig das natürliche Ende auch tatsächlich einzuhalten. Andere Tätigkeiten haben aber kein natürliches Ende. Mike hatte beispielsweise viel Spaß daran zum Spielplatz in der Nähe zu gehen. Dort konnte er sich Stundenlang alleine beschäftigen. Weniger Spaß hatte er daran, diese Tätigkeit zu beenden.

Nun hat so ein Spielplatz auch kein natürliches Ende wie eine TV Sendung. Versuche mit dem schon erwähnten Time Timer funktionierten nicht, da Mike die Uhr nicht im Blick behielt und jedes Mal erschrocken und sauer war, wenn die Zeit abgelaufen ist. Im Gegensatz zur TV Sendung, war der Spielplatz ja auch immer noch da. Was aber funktionierte war ein Ritual, welches wir später einführten. Wenn die Zeit auf dem Spielplatz abgelaufen war, bekam Mike einen Kakao auf einer Bank neben dem Spielplatz. Mike liebt Kakao, weshalb es ihm leicht fiel das Spielen dafür zu unterbrechen. Nachdem der Kakao leer war, hatte der ganze Ausflug zum Spielplatz sein natürliches Ende erreicht. Mike konnte somit mit uns gemeinsam nach Hause gehen. Handelt es sich bei diesem Ritual nun um Bonbons Pädagogik, oder gar um Bestechung, damit wir Betreuer uns die Arbeit möglichst leicht machen? Ich bin nicht dieser Meinung. Mike hat ein Problem mit offenen Enden. Er ist nicht mutwillig bockig und will seinen Kopf durchsetzen, um uns Betreuer zu ärgern. Es ist Teil seiner neuropsychiatrischen Störung...

Wenn Ihr mehr über das Thema „Anforderungen“ hören wollt, hört gerne in die aktuelle Folge meines Podcasts „Verhaltenskreativ“ rein. Ich würde mich sehr freuen.


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